Quijote

Wer das Kleingedruckte nicht liest, kann Überraschungen erleben

Die zwei Personen, die das Stück nach einer Viertelstunde verließen, hatten vielleicht nicht bedacht, dass „sehr frei nach Miguel de Cervantes“ heißen kann, dass vom Romanstoff nichts übrigbleibt. Die, die blieben, hatten aber einen sehr unterhaltsamen und bereichernden Abend. Dass es den Zuschauern gefiel, zeigte sich früh am Lachen und am spontanen Applaus mitten im Stück.

Hannes Weiler hat das Stück geschrieben und auch die Regie geführt. Aber was heißt das, wenn zu Beginn der Proben gar kein Text existiert? Wie mag das gehen, wenn der Autor erst während der Proben den Text schreibt und laufend umschreibt? Wie auch immer, es scheint zu gehen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Schauspieler das Theater mitmachen. Zu mindestens die Dramaturgin, Meike Sasse, wusste worauf sie sich einließ, denn sie hatte schon mit Weiler in Zürich gearbeitet. Doch offensichtlich hat er, wie sie beim Preview sagte, das Konzept diesmal auf die Spitze getrieben.

Tatsächlich werden keine Abenteuer des „Ritters von der traurigen Gestalt“ nachgespielt. Stattdessen wird ein Grundthema des Romans in immer neuen Abwandlungen durchdekliniert. Das hört sich trocken an, eher nach einem auf die Theaterbühne gebrachten Vorlesungsstoff. Doch treibt die Aufführung den Zuschauer eineinviertel Stunden lang durch den Stoff, fast atemlos. Auf dem Fundament einer Sprache zwischen Sprachwitz und schräger Komik funkeln immer wieder Weisheiten empor. Gerne möchte man sie festhalten und in Ruhe betrachten, doch es geht geschwind weiter.

Was ist nun dieses Grundthema? Es ist die Frage, wie sich Wirklichkeit und Vorstellung zueinander verhalten. Don Quijote ist ja deshalb eine traurige Figur, weil er durch den Überkonsum kitschiger Ritterromane in eine Phantasiewelt geraten ist, in der er Wirklichkeit nicht mehr von Einbildung unterscheiden kann. Beim sprichwörtlichen Kampf gegen die Windmühlen sieht er dann gigantische Ritter, denen er sich stellen muss. Man stellt sich natürlich sofort die Frage, ob wir nicht heute allesamt von trauriger Gestalt sind, die wir von einer nie dagewesenen Informationsflut überschwemmt und in Social-Media-Blasen eingeschlossen werden. Das Stück ist auch ein vielfacettiger Spiegel, in dem jeder etwas von seiner Lebens- oder Traumwelt entgegengespielt bekommt.

Nach einer Kaskade von Wortspielen schälen sich langsam die ersten Gedanken heraus. Ist der gigantische Kopf auf der Bühne vielleicht eine gestürzte Macht? Gestürzt, weil ein anderes Narrativ mächtiger wurde? Ist es wie ein Prinzip, das man sich macht, weil man doch immer das gleiche tut und es dann zum Prinzip erhebt, und dass einem dann beim Denken im Weg liegt, geradeso wie der Kopf auf der Bühne? Ist denn Wirklichkeit nicht immer nur konstruiert?

Aber das ist nur der gewissermaßen philosophische Einstieg. Schnell wendet sich das Stück dem menschlichen Innenleben zu. Was ist mit unseren im Leben gemachten Erfahrungen? Helfen sie uns oder engen sie uns ein? Sind sie ein in Kisten verpackter Ballast im Keller? Ja! Holt Dynamit!  Herrliche Passagen zwischen Dada und Weisheit, und stets hält ein Augenzwinkern drohende Bedeutungshuberei auf Abstand. Dabei hilft auch der ständige Wechsel von Formen und Persönlichkeitstypen (herrlich Sara Siri Lee König als plappernde Jugendliche) und überhaupt das Changieren zwischen Spiel und Realität: „Sind wir schon drin? Wo drin? Im Stoff. Klar sind wir drin“.

Am Ende kommen die Schauspieler auf den Punkt. Es ist doch immer so, dass sich unser Leben zwischen erlebter Realität und Träumen aufspannt. Wenn bei Quijote endlich beides zusammenfällt, also dann: Ist er tot! Eine ebenso überraschende wie überzeugenden Pointe. Kurz danach endet das Stück.

Das sehenswerte Bühnenbild, der sanfte Musikteppich und die subtilen Beleuchtungswechsel verdecken nie die Sicht, im Gegenteil, sie helfen, den Fokus auf die Schauspieler zu richten, die ihre Sache großartig machen. Und zwar ausnahmslos alle. Vielleicht ist dies der Textentstehung zuzuschreiben. Hannes Weiler hat wohl im Endeffekt, die Sätze den Schauspielern auf den Leib geschrieben. Lediglich mit den Kostümen konnte ich (mal wieder) nichts anfangen. Gestört haben sie nicht, aber beigetragen auch nicht.

Im Programmheft steht ein Text von Oliver Precht, der die Quijot’sche Wahnwelt mit postfaktischer Politik, QAnon und damit indirekt dem gefühlten Lieblingsfeind der Deutschen, Donald Trump, in Verbindung bringt. Man kann das machen. Hannes Weiler hat diese Festlegung glücklicherweise in seinem Stück vermieden. Denn wenn man die Frage nach Wirklichkeit und Vorstellung in die Welt der Macht herabzieht, verstellt man den Blick darauf, wie universell diese Spannung im menschlichen Sein angelegt ist. Die Angst vor einer woken Cancel-Culture, die uns in eine Diktatur führt, ist vielleicht genauso wahnhaft, wie die Vorstellung von schwangeren Männern, oder von Männern, die sich in den Herrentoiletten des Stuttgarter Rathauses mit Tampons eindecken. (Ja, ich weiß, Schwangere brauchen keine Tampons.)  Eine Brücke zwischen diesen Gräben lässt sich nur auf einem gemeinsamen Verständnis des Fundaments des Menschseins und der Beziehung zwischen diesen aufbauen. Mit dem Gefühl, dass es da etwas Überbrückendes geben könnte, konnte ich das Theater verlassen.

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