|
Alle Künstler
 |
| Haus zwischen Steinen, 1963 |
|
|
Werner Stuhler – 50 Jahre der Fotografie gewidmet |
| Wasser, Gräser, Seerosen, Steine, Möwen, Felder, Gärten
und Wälder gehören zu den immer wiederkehrenden Motiven des seit
mehr als fünf Jahrzehnten aktiven Lichtbildners Werner Stuhler. Sein
künstlerisches Werk bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Fotografie
und Fotografik. Seine weichen, flirrenden, die Phantasie anregenden Bilder,
geschöpft aus der Weite der Natur wechseln sich ab mit klar stilisierten
Formen und grafischen Linien – verdichtet, verfremdet und stilisiert
in langer, intensiver Dunkelkammerarbeit – sind in einer etwa 80
Arbeiten umfassenden Werkauswahl in Konstanz zu sehen. |
| Ursprünglich wollte Werner Stuhler, der 1927 in Nürnberg geboren
und in Lindau aufgewachsen ist, Kunstgeschichte studieren. Un-zureichende
finanzielle Mittel ließen ihn jedoch zur Fotografie greifen. Die
einstige Not entwickelte sich aber bald zur Tugend: Schon ein
Jahr nach der Lehrzeit machte sich Stuhler mit einer bescheidenen Ausrüstung
aber viel Begeisterung selbständig. Vor allem im Fach Portrait bewies
er großes Können. Die konventionellen Regeln der Belichtung
außer acht lassend, entwickelte er eine eigene Position und verschaffte
sich schnell handwerklichen und künstlerischen Respekt. Schon im Alter
von 25 Jahren erhielt er für das Bildnis eines Knaben die Goldmedaille
auf der internationalen Portrait-Ausstellung in Bologna, zwei Jahre
später die photokina-Plakette, wiederum für ein Portrait
und 1962 und 1965 World Press Photo awards. Auch die Anerkennung,
zusammen mit Albert Renger-Patzsch, als einer der besten Fotografen
des Jahres 1959 beim International Photography Year Book, London
gehört dazu |
| Die künstlerischen Erfolge bestärkten Stuhler bei seiner „Brotarbeit“,
wie umgekehrt deren dokumentarisches Beobachten die freie Tätigkeit
befruchtete. Seine Fotografien wurden zunehmend nachgefragt von Feuilleton-
und Reiseteilen verschiedener Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen. Noch
bis weit in die 1990er Jahre bereiste er andere Länder, vor allem
den Süden Europas. Seine erzählerischen Impressionen wurden in
zahlreichen, sorgfältig gestalteten Fotobüchern publiziert. In
Bildbänden zu Provence, Toskana, Campania felix und Apulien entfalten
sich ornamentale Pracht und fremdartige Schönheit südlicher Landstriche
neben dem alltäglichen Leben des kleinen Mannes. |
Stuhler begann seine fotografische Tätigkeit 1948,
jenen Jahren, als hierzulande vehement nach einer neuen, schöpferischen
Bildsprache gesucht wurde. Neugierig beobachtete Stuhler die Impulse,
die von der 1949 gegründeten, kleinen Vereinigung fotoform ausgingen
und darauf abzielten, die Welt nach den Schrecken des Krieges auf eine
ganz persönliche Weise neu zu entdecken und zu vermitteln. Stuhler,
der schon im Alter von 17 und 18 Jahren die Härte des Kriegs erfahren
musste, war dem Reiz von Formen und Strukturen, Details und vom Zufall
generierten Mustern genauso erlegen, wie die Gruppe fotoform sowie
die aus ihr entstandene, breit gefächerte Bewegung subjektive
fotografie. Mehr als andere bearbeitete er seine Motive in der Dunkelkammer,
formte konkrete Bildinhalte in abstrakt-grafische Gebilde. Stuhler
spricht bei seiner Arbeit dann von Fotografiken, wenn er sorgfältig
gezogene Ackerfurchen in konstruktivistische Bilder, feine Gräser
in fremdartige Hieroglyphen, Pfähle und Schneezäune in minimalistische
Zeichnungen und welliges Wasser in Gemaltes verwandelt. Stuhler arbeitet
mit Mehrfachbelichtungen, Montagen, Solarisationen, Tontrennungen, Maskierungen
und Negativdrucken, also mit Verfahren, die der Fotopädagoge und
Nestor der subjektiven fotografie, Otto Steinert zu den rein
fotografischen Gestaltungselementen zählt. Seine Versiertheit in
der Dunkelkammer ist entscheidend auf seine Bekanntschaft mit Heinz Hajek-Halke
zurückzuführen, dem frühen Meister experimenteller Fotografie
mit seinem unüberschaubaren Repertoire an Techniken. Hajek-Halke
ermutigte ihn maßgeblich dazu, eigene Bildwelten zu erkunden und
die Dunkelkammer für fototechnische und fotochemische Verfremdungen
auszutesten. |
Bei seiner Suche nach kreativem Ausdruck befreundete
sich Stuhler mit dem Maler Georg Muche, der seit 1960 im benachbarten
Bad Schachen lebte und ihn bekräftigte seine Bildaussagen stärker
zu variieren, insbesondere abstrakter zu gestalten. So finden sich bei
den Tropfen-, Pflanzen- und Kugelaufnahmen motivische Parallelen zur
Malerei des Bauhauskünstlers. In einer Zeit, als Bildende Künstler
und Fotografen sich eher ablehnend gegenüberstanden, führte
die beiderseitige Offenheit zu einem befruchtenden Zusammenspiel. Das
bedeutende Mappenwerk Totentänze mit seinen mumifizierten
Eulen, für das Stuhler Fotografien fertigte, die Muche überarbeitete
und veröffentlichte, zeugt davon. 1967, zur Zeit des Wettrüstens
entstanden, thematisiert es den atomaren Tod. |
Im Laufe der Jahre werden die Bilder des begabten Kamerameisters
abstrakter und farbiger; er laboriert in vielerlei Spielarten. In extremen
Nahsichten verrätselt er Bildinhalte; Experimente mit Lichtreflexen
erinnern an kosmische Welten. Manche Themen, wie das Portrait verlieren
an Bedeutung, anderen, wie dem Wasser erweist er eine nie endende Referenz.
Reizvoll ist die Vielfalt seines Schaffens, hervorgegangen aus der intensiven
Auseinandersetzung mit den schöpferischen Möglichkeiten des
Mediums. |
|